Was sagt uns PISA eigentlich wirklich?

Deutschland hat bei PISA 2025 in Mathematik, Lesen und Naturwissenschaften die niedrigsten Werte erreicht, die in der deutschen PISA-Reihe bisher gemessen wurden. Damit setzt sich ein negativer Trend fort.
Müssen wir mit Kindern früher anfangen? Braucht es wirklich ein verpflichtendes Vorschuljahr?
Aber ich glaube, wir sollten bei der Frage beginnen: Was sagt uns PISA eigentlich wirklich?
PISA untersucht, wie Jugendliche Wissen und Kompetenzen anwenden können –
beispielsweise, ob sie Informationen verstehen, Zusammenhänge herstellen, Probleme bearbeiten und Wissen auf neue Situationen übertragen können.
Vielleicht ist vielmehr die Frage, die wir stellen sollten: "Was genau braucht es, um diese Kompetenzen zu entwickeln?" Und zwar entwicklungspsychologisch beantwortet - Antworten aus der Hirnforschung.
Was sind die Grund- oder auch Basisfähigkeiten, die es zuerst braucht, damit diese getesteten Fähigkeiten - oder auch Mathe und Deutsch entwickelt werden kann? Ich nenne das das Wurzelprinzip (in meinem ebook).
Wenn aber unsere Antwort auf schlechte Bildungsergebnisse lautet, dass wir schulische Inhalte einfach noch früher in die Kindheit verlagern, dann machen wir möglicherweise genau das, was wir schon sehr lange versuchen.
Wir machen mehr vom Gleichen.
Vielleicht sollten wir deshalb einmal einen Schritt zurückgehen.
Diese Wurzeln entwickeln sich nicht durch Üben von sitzen, schneiden, schreiben, ...
Und hier kommen die exekutiven Funktionen ins Spiel
Vielleicht kennen einige von Ihnen den Begriff der exekutiven Funktionen.
Dazu gehören unter anderem:
das Arbeitsgedächtnis,
die Fähigkeit, Impulse zu kontrollieren,
Aufmerksamkeit zu steuern,
und flexibel zwischen Strategien zu wechseln.
Diese Fähigkeiten brauchen wir später beim Lernen, beim Lesen, beim Rechnen und beim Problemlösen.
Und sie entstehen nicht einfach dadurch, dass wir Kindern sagen:
„Jetzt konzentrier dich.“
Kinder müssen solche Fähigkeiten anwenden und erproben.
Interessant ist deshalb die Forschung zum Zusammenhang von motorischer Kompetenz und exekutiven Funktionen.
Eine 2024 veröffentlichte systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse wertete 44 Studien mit Kindern und Jugendlichen zwischen 5 und 18 Jahren aus. Die Forschenden fanden einen kleinen positiven Zusammenhang zwischen motorischer Kompetenz und exekutiven Funktionen.
Das ist ein interessantes Ergebnis.
Aber – und das ist mir wichtig – daraus folgt nicht: bewegt euch mehr - sondern, ermöglicht Kindern Erfahrungen. Nicht alles abnehmen. Die Welt entdecken und erkunden und erfassen - mit allen Sinnen.
Das ist mehr als: "Wir gehen in den Turnraum."
Ein ganz alltägliches Beispiel
Stellen wir uns ein Kind vor, das vor einem kleinen Bewegungsparcours steht.
Da liegt eine Matte. Daneben steht eine Bank. Ein Kasten muss überwunden werden. Und das Kind möchte auf die andere Seite.
Was passiert jetzt?
Das Kind muss zunächst wahrnehmen:
Wie sieht diese Situation eigentlich aus?
Es muss seinen Körper einschätzen.
Es muss überlegen:
Wie könnte ich dort hinüberkommen?
Es probiert etwas.
Vielleicht funktioniert es nicht.
Dann muss es seine Strategie verändern.
Vielleicht beobachtet es ein anderes Kind.
Vielleicht fragt es nach Hilfe.
Vielleicht bekommt es Angst und braucht zunächst Sicherheit.
Und irgendwann findet es seinen eigenen Weg.
Was wir von außen vielleicht einfach als „Bewegung“ betrachten, beinhaltet in Wirklichkeit eine ganze Reihe von Entwicklungsprozessen:
Wahrnehmung.
Motorische Planung.
Entscheidungen.
Aufmerksamkeit.
Arbeitsgedächtnis.
Impulskontrolle.
Flexibilität.
Problemlösen.
Emotionale Regulation.
Und möglicherweise am Ende auch die Erfahrung:
„Ich habe es geschafft.“
Und damit sind wir bei etwas, das für Bildung mindestens genauso wichtig ist wie das Wissen selbst:
Selbstwirksamkeit.
Selbstwirksamkeit entsteht durch Erfahrung
Selbstwirksamkeit bedeutet vereinfacht:
Ich erlebe mich als jemanden, der etwas bewirken und Herausforderungen bewältigen kann.
Gerade psychomotorische Ansätze beschäftigen sich intensiv mit solchen Erfahrungen.
Das Kind soll nicht ständig erleben:
„Die Erwachsene weiß, wie es geht.“
Und das alles ist in der Haltung der Psychomotorik enthalten.
Psychomotorik ist deshalb viel mehr als Bewegung
Und an dieser Stelle möchte ich einen Begriff deutlich machen, der mir besonders wichtig ist:
Psychomotorik bedeutet nicht einfach, dass Kinder sich mehr bewegen.
Wenn ich Kindern sage:
„Jetzt rennt ihr zehn Minuten durch den Raum“, ist das Bewegung.
Aber es ist noch keine Psychomotorik. Psychomotorik betrachtet die Verbindung von:
Körper – Bewegung – Wahrnehmung – Emotion – Handlung – Beziehung – Umwelt.
Das Kind wird dabei nicht nur körperlich aktiv.
Es setzt sich handelnd mit sich selbst und seiner Umwelt auseinander.
Es erlebt seinen Körper.
Es nimmt Unterschiede wahr.
Es probiert aus.
Es entscheidet.
Es verändert etwas.
Es kommuniziert.
Es bewältigt Herausforderungen.
Und genau darin liegt für mich die besondere Stärke dieses Ansatzes.
Und plötzlich sind wir mitten in der Mathematik
Nehmen wir einmal Mathematik.
Ein Kind muss nicht unbedingt vor einem Arbeitsblatt sitzen, um mathematische Erfahrungen zu machen.
Ein Kind kann Mathematik erleben, wenn es baut.
Wenn es sortiert.
Wenn es vergleicht.
Wenn es Mengen verändert.
Wenn es Wege plant.
Wenn es Räume erkundet.
Wenn es herausfindet, ob etwas hineinpasst.
Wenn es ausprobiert, wie viele Bausteine es braucht.
Wenn es einen Turm baut und feststellt, warum er immer wieder umfällt.
Die Forschung zu frühem mathematischem Lernen zeigt, wie bedeutsam körperliche, räumliche und gegenständliche Erfahrungen für mathematisches Denken sein können.
Eine 2023 veröffentlichte Scoping Review von McCluskey und Kolleg wertete 37 qualitative Studien aus und untersuchte insbesondere die Bedeutung von Bewegung, Körpererfahrung, Gestik und räumlichem Handeln für frühe mathematische Erfahrungen. Die Autor beschreiben unter anderem die Bedeutung des Umgangs mit Gegenständen, der körperlichen Auseinandersetzung mit Räumen und der Darstellung räumlicher Erfahrungen.
Das bedeutet nicht:
„Arbeitsblätter sind schlecht.“
Es bedeutet:
Arbeitsblätter sind nur ein sehr kleiner Ausschnitt dessen, wie Kinder mathematisches Denken entwickeln können.
Und genauso ist es mit Sprache und mit Schreiben usw.
Es braucht also zur PISA Studie eine neue Frage: Mit was füllen wir die Tage im Elementarbereich - welche Haltung müssen Fachkräfte dafür entwickeln und wie können Jugendliche diese Wurzeln nachentwickeln.
Und dieses Nachentwickeln kann z.B. durch die Marte Meo Methode wunderbar erfolgen - auch im Wohngruppenbereich oder Schule.




Kommentare